GKV-Spargesetz: Warum 2027 nicht die Frage ist, wie viel Zeitarbeit Sie sich leisten können

25. August 2026
Pflegedienstleitung vor einer digitalen Dienstplan-Tafel, überwiegend intern besetzte Schichten

Rechtsstand: 25. August 2026

Als das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz Ende Juli in Kraft trat, drehte sich die öffentliche Diskussion um Zuzahlungen, um den Beitragszuschlag für mitversicherte Ehepartner und um die Abgabe auf zuckergesüßte Getränke. Über den Teil, der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen betrifft, wurde deutlich weniger geschrieben.

Dabei steht er ziemlich klar im Papier des Bundesgesundheitsministeriums: Rund 70 Prozent der Gesamtentlastung im Jahr 2030 sollen durch Ausgabenbegrenzungen bei den Leistungserbringern erzielt werden. Diese tragen damit, wörtlich, „die Hauptlast der Reform”.

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind Leistungserbringer.

Was tatsächlich beschlossen wurde

Das Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung wurde am 10. Juli 2026 von Bundestag und Bundesrat beschlossen, ist am 29. Juli 2026 ausgefertigt worden und gilt seit dem 30. Juli 2026.

Der Anlass steht ebenfalls in den Unterlagen des Ministeriums. Die Finanzierungslücke der GKV liegt nach Berechnungen der FinanzKommission Gesundheit im Jahr 2027 bei rund 19 Milliarden Euro und wächst bis 2030 auf rund 44 Milliarden Euro. Ohne Reform würde der durchschnittliche Zusatzbeitrag von 2,9 auf 3,8 Prozent im Jahr 2027 und auf 4,8 Prozent im Jahr 2030 steigen. Die Ausgaben sind zuletzt jährlich um knapp 8 Prozent gestiegen, also etwa doppelt so stark wie im Durchschnitt der 2010er Jahre.

Der Satz, auf den es ankommt

Für die Personalplanung ist eine einzige Formulierung entscheidend. Das Ministerium beschreibt das Prinzip der Reform als einnahmeorientierte Ausgabenpolitik: Ausgabenzuwächse werden auf die Zuwächse der beitragspflichtigen Einnahmen begrenzt, und zwar „in allen Ausgabenbereichen”.

Was viele dabei überlesen: Das ist keine Sparauflage für ein Jahr. Das ist eine Kopplung. Die Ausgaben eines Hauses dürfen nicht schneller wachsen als die Einnahmen der Krankenkassen.

Und an einer zweiten Stelle formuliert das Ministerium sein Ziel für alle laufenden Reformen so: „Ziel ist bei allen Reformen, die vorhandenen Strukturen und Ressourcen effizienter zu nutzen.”

Vorhandene Ressourcen. Nicht zusätzliche.

Was das praktisch bedeutet

Ich glaube, die Konsequenz ist unbequemer, als sie auf dem Papier klingt.

Der klassische Weg, ein Schichtloch zu schließen, hat zwei Varianten. Entweder man stellt zusätzliches Personal ein, oder man bucht extern. Der erste Weg läuft seit Jahren am Fachkräftemangel leer, das ist bekannt. Der zweite Weg ist der teuerste Personaleinsatz, den ein Haus hat.

Wenn die Ausgaben an die Einnahmen gekoppelt werden, verliert die erste Variante ihre Finanzierungsgrundlage und die zweite wird zum Problem in der Bilanz. Was übrig bleibt, ist die dritte Variante, über die selten gesprochen wird: die eigene Belegschaft besser ausnutzen, bevor extern bestellt wird.

Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. In der Praxis ist es keine. In vielen Häusern weiß niemand um 6:30 Uhr, welche eigenen Mitarbeitenden an diesem Tag überhaupt könnten. Es gibt Listen, es gibt Absprachen, es gibt Telefonnummern in Handys. Was es meist nicht gibt, ist eine belastbare Übersicht, wer verfügbar ist, mit welcher Qualifikation, an welchem Standort, zu welcher Uhrzeit. Also greift die Leitung zum Telefon und ruft Anbieter ab, obwohl möglicherweise drei eigene Teilzeitkräfte aufstocken würden.

Wie sich der Kostendruck aus der GKV-Finanzierung in den Häusern konkret niederschlägt, haben wir in diesem Beitrag ausführlicher beschrieben.

Die Reihenfolge ist das Produkt

Wir haben in stazzle deshalb nicht die Buchung externer Kräfte verbessert, sondern die Reihenfolge umgedreht.

In der Plattform ist sichtbar, wann welcher eigene Mitarbeitende verfügbar ist. Die Leitung bucht ihn direkt auf die Schicht. Der Mitarbeitende bekommt die Information über die App, dort kann er auch sein Wunschfrei angeben. Die Zeiterfassung läuft mit, die Freigabe bleibt bei der Leitung.

Und dann kommt der Teil, der über die Kosten entscheidet: An die Personaldienstleister gehen nur noch die Schichten raus, die intern nicht besetzt werden konnten. Externes Personal ist damit der Rest, nicht der erste Griff.

Anders gesagt: Nicht der Einkauf wird optimiert, sondern die Notwendigkeit des Einkaufs. Wie ein solcher interner Flexpool aufgebaut ist, zeigen wir auf einer eigenen Seite.

Die Zahl, die 2027 gebraucht wird

Für die Trägerebene ist daran etwas anderes wichtiger als die Dispositionsverbesserung in einer einzelnen Einrichtung.

Wenn Ausgaben und Einnahmen gekoppelt sind, brauchen Geschäftsführung und kaufmännischer Vorstand eine Kennzahl, die zeigt, dass gesteuert wird. Und zwar eine, die nicht aus einer Absichtserklärung besteht, sondern aus Daten:

Wie viel Prozent der Schichten wurden aus eigener Kraft besetzt, und wie viel Prozent extern?

Diese Quote lässt sich pro Station, pro Einrichtung und über alle Standorte eines Trägers hinweg auswerten. Sie zeigt eine Entwicklung über Monate. Und sie lässt sich in Euro übersetzen, weil hinter jeder extern besetzten Schicht ein Stundenverrechnungssatz steht.

Was viele Träger heute stattdessen haben: 20 Einrichtungen, die Zeitarbeit jeweils anders organisieren, keine konsolidierten Zahlen und die Erkenntnis, dass etwas aus dem Ruder läuft, immer erst am Jahresabschluss.

Warum das Zeitfenster jetzt ist

Zwei Dinge fallen gerade zusammen.

Erstens greift die Kopplung von Ausgaben und Einnahmen ab 2027. Zweitens laufen im Herbst in fast jedem Haus die Budgetgespräche für dieses Jahr 2027. Wer im November begründen muss, wie die Personalkosten im nächsten Jahr im Rahmen bleiben, braucht bis dahin mehr als einen Vorsatz.

Der Umstellungsaufwand ist dabei kleiner, als die meisten erwarten. Es geht nicht um ein IT-Projekt mit Lastenheft, Ausschreibung und Rollout über drei Quartale. Es geht darum, auf einer Station sichtbar zu machen, wer verfügbar ist, und den externen Bedarf zum Rest zu machen. Nach vier Wochen sieht man an der Quote, ob es trägt.

Was in diesem Text bewusst nicht steht

In der Fachdiskussion werden derzeit weitere Details genannt, die Krankenhäuser direkt betreffen würden, etwa Regelungen zum Pflegebudget ab 2027, zur Refinanzierung von Tarifsteigerungen und zum Umgang mit Pauschalen für pflegeentlastende Maßnahmen.

Ich führe sie hier nicht als Fakten auf, weil ich sie nicht am Gesetzestext gegengeprüft habe. Wer daraus Budgetentscheidungen ableitet, sollte das nicht auf Basis von Zusammenfassungen tun, auch nicht auf Basis dieser. Die belastbare Quelle ist der Wortlaut im Bundesgesetzblatt.

Häufige Fragen

Seit wann gilt das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz?

Das Gesetz wurde am 10. Juli 2026 von Bundestag und Bundesrat beschlossen, am 29. Juli 2026 ausgefertigt und gilt seit dem 30. Juli 2026. Ziel ist die Stabilisierung der Beitragssätze ab dem Jahr 2027.

Wer trägt die Hauptlast des Gesetzes?

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums werden rund 70 Prozent der Gesamtentlastung im Jahr 2030 durch Ausgabenbegrenzungen bei den Leistungserbringern erzielt. Dazu zählen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen.

Was bedeutet einnahmeorientierte Ausgabenpolitik?

Das Prinzip begrenzt die Ausgabenzuwächse auf die Zuwächse der beitragspflichtigen Einnahmen, und zwar in allen Ausgabenbereichen. Für Einrichtungen heißt das: Die Kosten dürfen nicht schneller wachsen als die Einnahmenbasis der gesetzlichen Krankenversicherung.

Wie hoch ist die Finanzierungslücke der GKV?

Nach Berechnungen der FinanzKommission Gesundheit liegt sie 2027 bei rund 19 Milliarden Euro und wächst bis 2030 auf rund 44 Milliarden Euro.

Wie können Kliniken Zeitarbeitskosten senken, ohne Personal aufzubauen?

Indem die eigene Verfügbarkeit vor der externen Anfrage geprüft wird. Wenn sichtbar ist, welche eigenen Mitarbeitenden wann einsatzbereit sind, lassen sich Schichten intern besetzen, und nur die verbleibenden Lücken gehen an Personaldienstleister.

Welche Kennzahl sollten Träger 2027 im Blick haben?

Den Anteil der intern besetzten Schichten gegenüber den extern besetzten, ausgewertet je Einrichtung und konsolidiert über alle Standorte.

Rechtsstand: 25. August 2026. Dieser Beitrag gibt den Stand der genannten Quellen zum genannten Datum wieder und ist keine Rechtsberatung.

Quellen

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